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Praktische Solidarität gegen G20 – Sicherheitskonzept geht auf

„Wellcome to hell“ war an den Tagen des G20 Gipfels das Motto einer der Demonstrationen gegen den Kapitalismus mit seinen ökologischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Verwüstungen.

„Wellcome to heaven“ stand in bunten Lettern auf einem Transparent über dem Weg im Kirchhof der St. Pauli Kirche. Zwischen den Wörtern Abdrücke von Kinderhänden.

 

 

Aktive des Lübecker Flüchtlingsforums / Solizentrum berichten von den G20-Protesten in Hamburg

Praktische Solidarität gegen G20 – Sicherheitskonzept geht auf 

Bereits Wochen vor dem Gipfel und währenddessen wurden Grundrechte der Versammlungs-, Demonstrations- und Pressefreiheit von der Polizei außer Kraft gesetzt, und, wie sich in den darauffolgenden Tagen zeigen sollte, buchstäblich zertreten und zerschlagen.

Da die Polizei den Protestierenden die Camps auch da verweigerte, wo diese schon gerichtlich erlaubt wurden, haben wir uns entschlossen, einen sicheren Ort zu finden, der uns ermöglicht, sinnvoll an Protesten teil zu nehmen.

Wie selbstverständlich waren wir während dieser Tage eingeladen, auf dem Gelände der St.Pauli-Kirche im Schutz der Hecken zu campieren und konnten dort einen sicheren Ort zum Schlafen, Ausruhen und Quatschen finden. Das pausenlose Knattern der Hubschrauber war hier unter dem Laub der Bäume nicht ganz so nervig. Es gab Toiletten, Wasser, Strom und eine tägliche Picknick-Tafel. Alles Allen. In der Hafenstraßen-Vokü gleich um die Ecke konnten wir uns zusätzlich verpflegen. Der Küster Philippe stand uns in allen organisatorischen Fragen zur Seite. Er ist ein hammerguter herzlicher Kerl, immer ansprechbar und hilfsbereit.

Die St. Pauli-Kirche und das Solizentrum verbindet etwas: dass wir auf der Seite der diskriminierten Menschen stehen, uns mit diesen solidarisieren und uns damit über institutionelle Verbote und Beschneidung von Menschenrechten hinwegsetzen. Wir sind uns darin einig, dass die G20 für eine Welt voller Elend verantwortlich sind. Wir begegnen uns in dem Glauben, dass die G20 darüber nicht das letzte Wort behalten werden, sondern die Menschen entscheiden werden, in welcher Welt wir alle leben.

Das Transparent „Welcome to Heaven“ sei eine Anspielung auf das Demonstrationsmotto am Donnerstag, sagte Pastor Sieghard Wilm, sie wollten aber auch ganz praktisch dazu beitragen, dass jetzt und hier ein Stück „Himmel auf Erden“ sein könne. „Das Sicherheitskonzept der Kirche ist besser als das der Polizei.“ Wir reden miteinander und finden darüber Möglichkeiten das Leben gemeinsam zu gestalten. Insofern war das Gelände der St. Pauli Kirche tatsächlich so etwas wie ein Stück Himmel auf Erden.

In einem Interview im Stern sagte Pastor Wilm, als Christ glaube er daran, dass der Mensch veränderungsfähig sei. Das möge man naiv finden. Aber was sei die Alternative zu diesem Glauben? Dann bliebe einem nur der Zynismus. Wie sind wir denn? Naiv oder Zynisch? Oder was anderes?

Am Freitagnachmittag, während der Friedensandacht, trieb eine Horde von vermummten Polizisten Demonstrant_innen durch die Straßen an der Kirche vorbei und verschossen Tränengasgranaten. Der beißende Nebel verteilte sich auch über der Kirchhofwiese. Eine junge Frau floh in Panik vor den Schlagstock-schwingenden Männern auf die Kirche zu, stieg über den hüfthohen Zaun und verletzte sich dabei, weil eine Zaunspitze durch ihre Schuhsohle stieß. Eine andere Frau suchte ebenfalls Schutz auf dem Gelände der Kirche. Kurz zuvor habe sie ein Polizist sehr grob festgehalten und sie mit den Worten beschimpft: „Du Fotze, wenn du dich noch einmal hier blicken lässt, brech ich dir alle Knochen.“ Beide Frauen waren übrigens nicht schwarz vermummt.

Wir sind fassungslos und fragen uns, was diese Menschen in Uniform dazu bringt, derart Gewalt auszuüben. Immer wieder konnten wir vom Kirchengelände aus vollkommen willkürliche, nicht nachvollziehbare gewalttätige Übergriffe von Polizisten in Kampfmontur beobachten, oft sexistisch, demütigend und entwürdigend. Seither tauchen zunehmend Berichte von Rechtsverletzungen bis zu schweren Misshandlungen durch die Polizei auf. Wir verurteilen den Stil der Polizeiführung und das Verhalten sehr vieler Polizisti_innen als brutal, eskalativ und verantwortungslos.

An der Abschlussdemo „Grenzenlose Solidarität“ am nächsten Tag haben 100.000 Menschen teilgenommen. Widerstand entsteht aus Hoffnung.

Danke, für euren Mut, eure Zeit, danke für den sicheren Platz und danke, Philippe für den Sticker mit „Glaube Liebe Hoffnung“. Aus Hoffnung entsteht Widerstand.